Media Web Symposium 2011

Media Web Symposium 2011 Tag Cloud

MWS 2011 Tag Cloud

Das Media Web Symposium ist eine jährliche Konferenz, die vom Fraunhofer Fokus Institut in Berlin veranstaltet wird. Sie fand in diesem Jahr zum zweiten Mal statt. Die Konferenz beschäftigt sich im Wesentlichen mit dem Zusammenwachsen von Fernsehen und Internet, sei es in der Form IPTV, als “Connected TV”, als “Smart TV” oder in Form von “Over-the-top” (OTT) Angeboten.

Das Format der Konferenz ist eine große Menge von sehr kurzen Vorträgen zu je 15 Minuten, ergänzt um wenige große Vorträge bzw. Tutorials sowie Vorführungen der Sponsoren. Ziel dieses Blog-Eintrags ist daher nicht, die vollständige Liste der Vorträge aufzuführen. Stattdessen sollen die aus unserer Sicht interessantesten Trends kurz beleuchtet werden.
Die interessanteste Aussage kam von Robert Amlung (ZDF): Zurzeit muss das ZDF noch zwei unterschiedliche Broadcasting-Plattformen betreiben, je eine für DVB und eine für IPTV. Hier sieht er mittelfristig einen klaren Gewinner: IPTV wird überleben und DVB wird nicht mehr benötigt. Es gibt aus seiner Sicht nur einen einzigen Grund, warum DVB zurzeit noch eingesetzt wird: Es ist auf Seiten der Content Delivery Networks (CDN) noch nicht möglich, einzelne Sendungen per Multicast auszustrahlen (z. B. das Endspiel einer Fußball-Europameisterschaft). Sobald hierfür entsprechende Angebote möglich sind, wird DVB verschwinden.

Beachte: Hierfür wird auch ein Multicast-Netzwerk innerhalb der Home Zone benötigt, was zurzeit auch noch nicht in allen Haushalten zur Verfügung steht.

“Fernsehen” wird in diesem Blickwinkel zukünftig nicht mehr zwischen Live TV, Catch-Up und VoD Angeboten unterscheiden. In einer einheitlichen IP-Plattform stehen diese Dienste ohnehin alle gleichberechtigt zur Verfügung, sodass ein Zuschauer sie einfach nur transparent nutzen wird.

Wobei man z. B. zu einer übergreifenden Suche (EPG für Live TV plus VoD plus TV-Archiv) auch entsprechend gepflegte und standardisierte Metadaten benötigt (Alexander Adolf von Condition Alpha). Auch hier sind noch Investitionen in die  Standardisierung und die redaktionelle Pflege notwendig.

CDNs waren ansonsten überhaupt kein Thema mehr. Die großen Drei (Akamai, Limelight und Level 3) haben den Markt im Griff und liefern akzeptable Angebote. Selbst Zattoo (Stefan Lietsch) hat sich inzwischen von seinem Peer-to-Peer Modell verabschiedet und verlässt sich nun lieber auf ein Managed Network von Akamai. P2P-Broadcasting hat sich also erledigt.

Der Dauerbrenner HbbTV war wieder die tragische Gestalt der Konferenz. Inzwischen unterstützen alle TV-Hersteller HbbTV auf ihren Endgeräten (Volker Blume, Philips), und die deutschen Sender haben auch entsprechende Plattformen aufgebaut, über die sie HbbTV Applikationen einspeisen können (Lars Friedrichs, SevenOne Intermedia). Aber wie beim Hasen und beim Igel ist inzwischen HTML5 auf dem Markt und zum de-facto Standard für Video-Applikationen geworden. Auf dem PC wird es bereits weitestgehend unterstützt, und die mobilen Endgeräte werden in kurzer Zeit folgen (Christian Nord, Sony Ericsson).

Nur die Set-Top Boxen hinken hinterher. Das IRT, das den HbbTV Standard vorantreibt, wird im Laufe des Jahres 2012 dammit beginnen, sich mit HTML5-Erweiterungen für CE-HTML zu beschäftigen (Klaus Merkel, IRT). Hier hängt die Diskussion also schon von vornherein den Entwicklungen im Web zwei Jahre hinterher. Die Anmerkung eines Zuhörers “Eure HbbTV Demos habe ich doch schon vor 10 Jahren gesehen, damals als MHP.” blieb unwidersprochen.

Auf der Ebene der Codecs haben wir inzwischen einen klaren Gewinner: H.264 für Video und AAC für Audio werden auf allen modernen Endgeräten mit Hardware-Decodern unterstützt. VC1 (Video) oder WMA (Audio) wurden in keinem Vortrag mehr erwähnt.

Auf der Ebene der Dateiformate und der Transportprotokolle führt Fragmented MPEG-4 und das von MPEG definierte Dynamic Adaptive Streaming over HTTP (DASH) mit leichtem technologischen Vorsprung. Zurzeit kommt es aber gegen die proprietären Streaming-Formate von Apple (HTTP Live Streaming, unterstützt in iOS und Quicktime), Adobe (Dynamic Streaming mittels RTMP, unterstützt im Flash Player) und Microsoft (Smooth Streaming, unterstützt in Silverlight) noch nicht an. Hier bleibt abzuwarten, wann sich ein gemeinsamer Standard durchsetzen wird. Aber es wird daran gearbeitet (John Simmons, Microsoft und Eric Rosier, Ericsson).

Einen interessanten Ansatz verfolgt man beim DRM. Hier hat man es aufgegeben, ein einheitliches Format zu finden. Stattdessen wurde mit UltraViolet ein Mantel definiert, innerhalb dessen die wichtigsten DRM Verfahren auf einheitlichen Art und Weise verwaltet werden können. Zu den DRM Verfahren, die UltraViolet unterstützt, gehören u. a. Widevine von Google, PlayReady von Microsoft und Flash Access von Adobe.

Der Bereich der Bezahlverfahren hängt dagegen immer noch zurück. Jeder möchte ein auf Apps basierendes Geschäftsmodell aufbauen, egal ob für Spiele, Wetten oder für den Verkauf virtueller Güter (Dieter Plassmann, net mobile). Hierfür wird eine allgemein nutzbare Bezahlplattform benötigt. Eigentlich sollte z. B. die Wholesale Applications Community (WAC) einen standardisierten Bezahlprozess bereitstellen, der auch die Ausschüttungen zwischen dem Betreiber eines AppStore und dem Entwickler einer App verwaltet. Aber dieser Standard ist immer noch nicht fertig implementiert und wird im produktiven Betrieb noch nicht genutzt.

Am Thema Apps geht ja derzeit kein Weg vorbei und auch auf der MWS hatte es seinen festen Platz. Interessant waren u. a. die Diskussionen um den Einfluss der “App Bewegung” auf mobilen Geräten und der damit verbundenen User Experience, auf die Art und Weise wie in Zukunft Applikationen auf normalen PC  “konsumiert” werden und welche Erwartungen von der mobilen Welt auf den PC übertragen werden. Robert Shilston (Assanka) sieht z. B. in der Einfachheit der Handhabung (Installation, Instandhaltung, Sicherheit, Discovery) mobiler Anwendungen eine neuartige Experience, auf die Nutzer in Zukunft auch auf einem PC nicht verzichten wollen und sollten.

Für Apps im TV Umfeld lässt sich laut einer Studie der Telekom Innovation Labs (Franziska Becker) eine eindeutige Aussage treffen: “Context is King”. Für einen echten Mehrwert erwarten die Nutzer von Apps auf Ihrem TV primär einen Kontextbezug z. B. zum aktuellen Programm.

Das Konzept der Intents, das mindestens für Android-Entwickler nicht neu sein wird, könnte in der Zukunft die Art und Weise wie Anwendungen und Services interagieren und Daten austauschen wesentlich beeinflussen, dieser Auffassung ist auch Claes Nilsson (SonyEricsson). Die Web Intents Initiative von Google ist der erste Schritt in diese Richtung.

Apps im Auto – ein Thema das gerade in den Startlöchern steht. BMW stellt bereits als einer der ersten Anbieter einen SDK bereit, mit dem auf Android basierte Apps für “automotive online infotainment” entwickelt werden können (Simon Isenberg, Wolfgang Haberl, BMW Group). Eine der großen Herausforderungen für In-Car Apps besteht laut Prof. Dr. Uwe Baumgarten (TU München) darin, dass die Apps über die verschieden herstellerspezifischen HMI Konzepte in den Fahrzeugen bedienbar sein müssen. Außerdem ergeben sich aus der Situation heraus, dass in erster Linie der Fahrer aber auch Mitreisende Benutzer einer App sein können, fundamental unterschiedliche Szenarien und damit auch wichtige Anforderungen an eine App. Auch bei der Telekom sind Car Apps ein wichtiges Thema. Dort stehen aber weniger Infotainment Use Cases sondern eher solche, die sich z. B. aus Anforderungen an ein modernes Flottenmangement ergeben, an erster Stelle (Peter Christ, Deutsche Telekom).

HTML5 setzt seinen Siegeszug fort. Der Begriff fällt nahezu in jedem Vortrag. Mit dem aside Mag (Johannes Ippen, Nico Engelhardt, http://asidemag.com/) setzt derzeit eines der erfolgreichsten Magazine für das iPad ausschließlich auf HTML5 und verweist native Konkurrenten auf die Plätze. HTML5 und Video wird ja schon lange in einem Atemzug genannt. Ansätze wie popcorn.js API gehen hier noch einen Schritt weiter in Richtung non-lineare und interaktive Video Inhalte. Auch Casual Games im Web setzen bereits vielfach auf HTML5 und die Entwicklung in diese Richtung wird weiter gehen. Ob ein mögliches Umgehen der Einschränkungen und Abhängigkeiten proprietärer App Stores durch den Einsatz von Web Anwendungen eher Fluch oder Segen ist wurde oft kontrovers diskutiert und hier gibt es durchaus konträre Ansichten. Letztendlich ist es wie mit so vielen Dingen – Vor- und Nachteile müssen für jeden Einzelfall abgewogen werden.

Dass der Begriff “Social” in nahezu jedem Zusammenhang genannt wurde, muss man an dieser Stelle wahrscheinlich nicht extra erwähnen. Ein persönlicher Eindruck war allerdings, dass das Thema rund um die Sicherheit privater Daten und die Gefahren der sozialen Netzwerke und ihrer Datensammelwut vergleichsweise wenig diskutiert wurde.

Zum Schluss noch das netteste Gimmick, das auf der MWS vorgestellt wurde: Stefan Jenzowsky (Siemens Austria) zeigte “Handover TV”, also wie ein laufender Video-Stream vom Fernseher auf einen Tablet-PC geholt und wieder an den Fernseher zurück übergeben werden kann. Und zwar ohne direkte Kommunikation zwischen den Endgeräten. Stattdessen wurde die Kommunikation rein serverseitig implementiert. Auf den Endgeräten müssen nur die entsprechenden Apps installiert sein, welche die Nachrichten des Servers empfangen.

Yun Chao Hu (Huawei) ging sogar noch einen Schritt weiter und postulierte, dass man ganz auf eine Set Top Box verzichten könne. Alle Funktionen lassen sich serverseitig realisieren und müssen nur noch von einer App auf dem Fernseher abgerufen werden.

Porträt Helge Schüttvon Helge Schütt und Andreas Lohmann. 
Helge arbeitet seit August 2010 als Chefberater und Partner für die Accso Accelerated Solutions GmbH.

Porträt Andreas LohmannAndreas arbeitet als Managing Consultant für die Accso Accelerated Solutions GmbH und berät seit mehreren Jahren Kunden aus dem Bereich Telco/Medien. Seine aktuellen Schwerpunkte sind IPTV-, N-Screen- und Mobile Anwendungen. 

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